Folgende Rede wollten die Bleiberecht-Kollektive anlässlich der 1. August-Feier in Eiken AG halten, um sich bei der anwesenden Bundesrätin Widmer-Schlumpf und der Bevölkerung in Erinnerung zu rufen. Leider wurde uns dies vom Organisationskommitee verweigert.
Liebe Bewohnerinnen und Bewohner des Stücks Erde, das „Schweiz“ genannt wird
„Eiken für alle“ heisst das Motto der 1.-August-Feier in Eiken. Wir – Menschen mit und ohne Papiere, die sich in der Bleiberecht-Bewegung vereinigt haben – nehmen diese Einladung gerne an. Denn wir kämpfen für ein Bleiberecht, gleiche Rechte für alle. Da fühlten wir uns angesprochen.
Die Gründungsgeschichte der Schweiz erzählt von mutigen Menschen, die nicht länger gewillt waren, die Unterdrückung und die Arroganz ihrer Herren zu akzeptieren, weil sie in Freiheit und Demokratie leben wollten. Mit dieser Haltung können wir uns identifizieren. Auch wir kämpfen für Freiheit und Demokratie. Auch wir verweigern uns. Wir sind nicht länger bereit, die fremdenfeindliche und entwürdigende Migrationspolitik der Schweiz still zu ertragen. Darum haben wir im Juni die Kleine Schanze in Bern besetzt, darum sind wir heute hier.
Doch die Gründungsgeschichte der Schweiz ist nicht viel mehr als ein Mythos. Und auch von den Idealen, die sie propagiert, findet sich in der Realität herzlich wenig. Heute Abend wird Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf zur Feier des Tages eine Rede halten. Sie verficht energisch eine Politik der Fremdenfeindlichkeit und des Ausschlusses von AusländerInnen aus der Gesellschaft. Bundesrätin Widmer-Schlumpf und mit ihr eine Unzahl von Politikerinnen und Politikern von der SVP bis zum rechten Rand der Grünen und der SP wollen eine Schweiz für wenige, oder anders gesagt: eine Schweiz für alle, die Profit bringen. Sie stehen nicht für die Freiheit und Demokratie, die wir meinen.
Unter den „profitablen“ Arbeitskräften gibt es hunderttausend bis dreihunderttausend, die ohne Aufenthaltsbewilligung unentbehrliche Arbeit in Haushalten, Restaurants, Fabriken und in Landwirtschaftsbetrieben leisten. Sie tun dies unter ausbeuterischen Bedingungen und ohne sozialen Schutz. Jederzeit können sie verhaftet werden. Ständig sind sie von Ausschaffung bedroht. In einem heuchlerischen Doppelspiel brauchen die herrschenden Kreise der Schweiz diese Menschen und drangsalieren sie gleichzeitig. Sie sperren sie bis zu zwei Jahre in ihre Gefängnisse ein, nur weil sie ihren Fuss auf dieses Stück Erde gesetzt haben. Diese Menschen haben nichts verbrochen. Sie versuchen nur, ein würdiges Leben zu leben. Die Schweiz, die sich gern mit ihrer „humanitären Tradition“ brüstet, verwehrt es ihnen.
Für die abgewiesenen Asylsuchenden hat die schweizerische Migrationspolitik einige stossende Spezialitäten bereit. Sie leben von einer minimalsten Nothilfe. Sie dürfen nicht arbeiten und haben keine Perspektive. Zum Teil werden sie in unterirdische Massenunterkünfte eingepfercht. Viele von ihnen kommen aus Ländern mit extremer Armut oder schweren politischen Problemen. Dennoch dürfen sie gemäss den Behörden nicht hier bleiben.
Während der Besetzung der Kleinen Schanze haben wir Bundesrätin Widmer-Schlumpf einen Brief mit unseren Forderungen übergeben. Bis heute haben wir von ihr keine Antwort erhalten. Da bleibt uns nichts anderes übrig als uns bei ihr nachdrücklich in Erinnerung zu rufen. Das machen wir heute in Eiken. Wir wollen, dass Bundesrätin Widmer-Schlumpf zu unseren Forderungen Stellung nimmt und konkrete Schritte unternimmt, damit die Sans-Papiers und Asylsuchenden ein würdiges Leben in der Schweiz führen können. Diese Forderungen sind:
• Kollektive Regularisierung der Sans-Papiers und Sans-Papières
• Sofortige Annahme aller Asylanträge
• Sofortiger Ausschaffungsstopp
• Abschaffung des Arbeitsverbots
• Abschaffung des Nothilferegimes
• Recht auf Heirat und Recht auf Familienzusammenführung
• Recht auf Bildung
• Respektierung der Gewerkschaftsrechte
• Respekt der übergeordneten und grundlegenden Menschenrechte
Es muss ein Ende haben mit der fremdenfeindlichen Grundhaltung, von der grosse Teile der Justiz und der Behörden durchdrungen sind. In diesem Sinn wünschen wir Ihnen ein schönes Fest und freuen uns über interessante Begegnungen.
Die Bleiberecht-Kollektive der Schweiz