Stimmen der Sans-Papiers

Auf dieser Seite veröffentlichen wir in den nächsten Tagen laufend Kurzportraits und Geschichten der Sans-Papiers aus der Predigerkirche.

Video: Stimmen aus der Kirche St. Jakob

Am Sonntag, 4. Januar 2009 zogen die BesetzerInnen der Predigerkirche in Zürich auf Einladung weiter in die Kirche St. Jakob. Damit waren auch die von Regierungsrat Hollenstein gestellten Bedingungen für ein Gespräch erfüllt. Am Montag, 5. Januar empfing Hollenstein schliesslich eine Delegation der Sans-Papiers zum Gespräch.

Im Kurzfilm geben zwei Sans-Papiers ihrer Enttäuschung über die mageren Zusagen des Regierungsrats Ausdruck, erklären nochmals ihre Problemlage und äussern sich dazu, wie es weiter gehen soll.


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Video: Medienkonferenz vom 29.12.

Am 29. Dezember 2008 luden die BesetzerInnen der Predigerkirche in Zürich zur Pressekonferenz. Mehrere VertreterInnen der Sans-Papiers machten dabei auf ihre prekäre Lage im Kanton Zürich und auf ihre politischen Forderungen aufmerksam.

bella_kleinBella Dacosta, 28, Angola

Dani Stern. Aus Angst um ihr Leben flog Bella aus Angola nach Europa. Sie lebt nun in einem Container in Adliswil und erhält wöchentlich sechs Migros-Gutscheine im Wert von zehn Franken. Ihr Wunsch: So zu leben, wie die anderen.

«Ich bin Bella Dacosta, 28 Jahre alt und stamme aus Angola. Ich kam vor neun Jahren nach Europa, nachdem meine Eltern ermordet wurden. Zwar war damals in Angola der Krieg bereits vorbei, aber dennoch wurden weiterhin Leute ermordet. Mein Vater war Aktivist in der Unita-Partei. Ich ging zu dieser Zeit im Kongo in die Schule. Nach dem Tod meiner Eltern bin ich nach Angola an das Begräbnis gereist. Danach wollte ich bloss weg. Ich hatte Angst, selber auch umgebracht zu werden. Ich flog nach Rom, wo ich jedoch niemanden kannte. Auf dem Bahnhof von Rom sprach mich ein Mann an, der mir Arbeit versprach. Er wollte, dass ich mich prostituiere. Das wollte ich nicht. Ich reiste in die Schweiz weiter. Hier meldete ich mich in Kreuzlingen bei der Empfangsstelle für Flüchtlinge und beantragte Asyl. Man schickte mich nach Bülach ins Durchgangszentrum und später nach Fällanden. Mein Asylgesuch wurde nach vier Jahren abgelehnt, ebenso der Rekurs dagegen. In Angola ist jetzt Frieden, war die Begründung. Das stimmt nicht. Das Morden geht weiter. Ich habe Angst, zurückzukehren, ich habe Angst vor den Leuten, die meine Eltern getötet haben.

Kein Geld für den Zug

Nach der endgültigen Ablehnung meines Asylgesuches kam ich ins Gefängnis. Zuerst sass ich sechs Tage im Polizeigefängnis bei der Kaserne, danach wurde ich ins Ausschaffungsgefängnis beim Flughafen verlegt. Nach drei Monaten kam eine Aufseherin und legte mir ein Papier vor, das ich unterschreiben musste. Sie sagte mir: «Bella, du bist frei. Aber du musst jetzt die Schweiz verlassen». Daraufhin konnte ich gehen.

Ich lebe jetzt im Nothilfezentrum Adliswil, ich teile mit drei anderen einen Container. Pro Tag bekomme ich für zehn Franken Migros-Gutscheine – sechs Tage in der Woche. Am Sonntag muss ich offenbar nichts essen, findet das Migrationsamt. Von den Migros-Gutscheinen muss ich leben. Einige Leute bekommen manchmal noch zusätzlich drei Franken, wenn sie das Notzilfezentrum putzen. Ich sitze meistens in unserem Container rum. Was soll ich sonst schon tun? Ich kann ja auch nicht mit dem Zug irgendwo hin fahren. Dafür fehlt mir das Geld. Besuch darf nur zwischen neun Uhr morgens und sieben Uhr abends kommen. Ich habe hier in der Schweiz bis jetzt vor allem andere Asylsuchende kennengelernt. Schweizer Freundinnen und Freunde habe ich fast keine gefunden. Wenn ich mich in der Öffentlichkeit aufhalte, würde man mich schnell verhaften. Viele Freunde von mir sind schon mehrmals einfach für ein paar Tage von der Polizei inhaftiert worden. Ich habe ja gar keinen Ausweis, nur eine Fotokopie des Durchgangszentrums, mit meinem Foto und meinem Namen.

«Dann durfte ich nicht mehr»

Alles, was ich will, ist einen normalen Ausweis und eine Arbeit. Ich möchte einen Beruf lernen. Ich würde sehr gerne Menschen in einem Altersheim pflegen. Bis vor zwei Jahren durfte ich wenigsten noch bei den Beschäftigungsprogrammen der Asylorganisation Tage die Woche, von Montag bis Freitag und dabei hundert Franken im Monat verdient. Ich fand das gut. Ich will so leben wie die anderen. Ich will am Tag arbeiten. Doch dann durfte ich plötzlich nicht mehr, wegen dem neuen Asylgesetz.

Von der Kirchenbesetzung habe ich im Kasama erfahren. Das ist ein Ort, wo sich viele Flüchtlinge immer am Dienstagmittag treffen. Wir können dort unsere Migros-Gutscheine in Bargeld umtauschen, bekommen zu essen und können mit einander reden. Für mich ist das Kasama sehr wichtig. Ohne den Umtausch der Migros-Gutscheine könnte ich überhaupt nicht reisen und andere Leute besuchen.»


Berhanu Tesfaye, Äthiopien

«Mein Name ist Berhanu, ich bin Äthiopier und lebe seit Januar 2000 in Zürich. Ich bin fünfzig Jahre alt besitze einen Bachelor in Agrar-Ökonomie und einen Master in Entwicklungs-Wissenschaften. Ich möchte beschreiben, weshalb ich ein Asylsuchender geworden bin: Ich habe in Äthiopien als höherer Beamter in der Regionalverwaltung von Gambella im Südwesten des Landes gearbeitet. Meine Aufgabe war es, zu kontrollieren, ob das jährliche Regionalbudget richtig eingesetzt wurde. 1989 ging ich zusammen mit zwei Kollegen für 16 Monate legal nach Holland, um dort meinen Master zu machen.

In dieser Zeit brachen in Cambella ethnische Unruhen aus. Die Armee richtete Massaker an, es kam zu mehreren hundert Toten. Meine beiden Kollegen sind dennoch zurückgekehrt, nach dem unsere Aufenthaltserlaubnis in Holland abgelaufen war. Sie wurden beide sofort nach Ankunft verhaftet. Der eine von ihnen hat seither fünf, der andere sechs Jahre im Gefängnis zugebracht. Da wollte ich es nicht mehr riskieren, nach Hause zu gehen. Weil ich aber in Holland nur unter der Bedingung studieren durfte, dass ich kein Asylgesuch stellen werde, bin ich in die Schweiz gekommen, um hier ein Gesuch zu stellen.

Ich bin zwei Mal abgewiesen worden. Äthiopien ist ein Land mit ungefähr 75 Millionen Einwohnern und wird seit mehr als vierzig Jahren von einem Unrechtsregime geführt. Bis 1991 herrschte dort eine Militärjunta, seither herrschen ethnisch geprägte Parteien. Obwohl der Äthiopische Staat auf dem Papier die Menschenrechte garantiert, gehört Äthiopien weltweit zu den unrühmlichen Spitzenreitern beim Verhaften von Journalisten. Mitglieder von Oppositionsparteien werden kollektiv verhaftet und eingesperrt.

Eine Reihe Familienclans

Die Politik der herrschenden Partei EPRDF (Ethiopian peoples revolutionary democratic front) provoziert ethnische Auseinandersetzungen zwischen Volksgruppen, die seit Jahrhunderten Seite an Seite leben. Die Regierung schreckt auch vor einer Massakrierung der eigenen Leute nicht zurück, wenn diese abweichende Ideen vertreten.

Beispiele für Verbrechen der Regierung sind das Massaker an Angehörigen des Anuak-Stammes (Südwest-Gambella), das 400 Tote forderte, die Massaker in der Region Sidama, die mehr Autonomie von der Zentralregierung verlangte, oder die 193 Toten, welche bei Unruhen in der Hauptstadt Addis Abeba im Anschluss an die Wahlen im Jahre 2005 zu beklagen waren, als Oppositionspolitiker 137 der 138 zu vergebenden Sitze erringen konnten und die Regierung des Wahlsieg niederschlug. Die EPRDF ist keine eigentliche Regierung sondern eine Reihe von Familienclans, die sich gegenseitig verschiedene Posten zuschachern und so alle Bereiche der Verwaltung kontrollieren. In jedem Rechtsstaat gilt der Grundsatz der Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative. Nicht so in Äthiopien. Hier greifen die Staatsgewalten ineinander. Es gibt weder eine gegenseitige Kontrolle, noch einen gegenseitigen Ausgleich. Auch das Militär, die Polizei und die Geheimdienste sind von einer einzigen Ethnie dominiert. Sie dienen nicht dem Volk, sondern der regierenden Partei. Diese aber unterdrückt nicht nur die Menschen, die in Äthiopien leben, sondern setzt ihren diplomatischen Stab ein, um Informationen über Äthiopier zu sammeln, die im Ausland leben. Ein Land, wo vier Millionen Menschen jährlich Hunger leiden, setzt seine mageren Ressourcen ein, die Äthiopische Diaspora auszuspionieren!

Um die Wahrheit zu sprechen: Die Schweiz möchte mich um jeden Preis loshaben und ist daher bereit, mich in die Hände einer Sippe von Diktatoren zu liefern. Ich möchte an das Schweizer Volk appellieren, den Äthiopiern zu helfen, und mir eine Erlaubnis zu geben, hier zu bleiben, bis Äthiopien zur Ruhe kommt.»

Video: Stimmen aus der besetzten Kirche (1)



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Video: Stimmen aus der besetzten Kirche (2)

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Video: Stimmen aus der besetzten Kirche (3)

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Kasama*, Sierra Leone

Von 2001 bis 2004 wurde ich in Holland aufgrund der Situation in meinem Herkunftsland (Sierra Leone) vorläufig aufgenommen. Vorher war ich geologischer Ingenieur. Als meine Aufenthaltsbewilligung in Holland auslief, kam ich 2004 in die Schweiz. Hier wurde auf mein Asylgesuch gar nicht erst eingetreten.

Wegen “illegalen Aufenthalts” wurde ich 12 Monate ins Gefängnis gesteckt, obwohl ich nichts verbrochen habe. Seit ich Anfang 2008 aus der Haft entlassen wurde, muss ich alle sieben Tage die Notunterkunft wechseln.

* Name geändert.

Hasti Anvari, 20, und Soudabe Mirani, 47, Iran

Ich wohne seit 8 Jahren mit meiner Mutter, meinem Vater und meinen Geschwistern zusammen hier in der Schweiz. Wir mussten den Iran aus politischen Gründen verlassen. Hier gibt es zwar Sicherheit, aber wir fühlen uns nicht willkommen. Bis heute haben wir den Ausweis N. Für mich bedeutet das, dass ich keine Lehre machen konnte, weil man mit diesem Ausweis benachteiligt ist. 2 Jahre lang war ich auf der Suche nach einen Job. Das gleiche gilt für meinen Bruder. Er schloss zwar die Schule ab, fand jedoch keine Lehrstelle. Endlich habe ich einen Job als Verkäuferin gefunden, es gefällt mir zwar nicht so, aber ich bin glücklich dass ich immerhin etwas gefunden habe. Während 6 Jahren wohnten wir in einem Asylheim. Man muss sich das mal vorstellen. Eine Familie von 5 Personen muss sich 2 Zimmer teilen. Die Küche, Toilette und Dusche mussten wir mit anderen Leuten zusammen benutzen. Vor 1 ½ Jahren haben wir zum Glück eine Wohnung gefunden. Wenn wir in den Iran zurückkehren müssten, würde dies – das muss ich offen sagen – für meinen Eltern den sicheren Tod bedeuten. Wenn das Mullah Regime verschwindet, kehren wir sicher in den Iran zurück.

Moussa Diarra, Mali

Ich bin seit 3 Monaten in der Schweiz. Ich kämpfe für mein Leben, in meinem Land ist die Situation sehr schwierig. Meine Familie ist sehr arm und ich möchte ihnen helfen. Deswegen bin ich auf der Suche nach einem besseren Leben und würde gerne hier in der Schweiz bleiben. Ich bin schon in viele verschiedenen Länder gewesen und wurde immer wieder weggeschickt. Die Situation in der Schweiz ist sehr schwierig für mich. Ich muss jede Woche die Unterkunft wechseln. Manchmal muss ich in Bunkern mit viele anderen Leuten übernachten. Die Nächte sind lang und kalt dort. Wir bekommen nur die Migrosgutscheine. Damit kann ich mir kaum etwas leisten. Diese Woche musste ich 2 Nächte im Gefängnis übernachten, da ich im Zug beim Schwarzfahren erwischt wurde. Ich kann mir aber keine Zugbillette kaufen. Denn ich bekomme nur die Migrosgutscheine. Sie haben mich auch festgenommen, weil ich keinen gültigen Ausweis von der Schweizer Behörden bekommen habe, sondern nur ein Papier, wo ein Foto von mir drauf ist und mein Herkunftsland. Dieses Papier ist aber nicht rechtsgültig. Ich werde hier in der Schweiz wie ein Krimineller behandelt, obwohl ich nichts verbrochen habe. Ich möchte hier bleiben, um zu arbeiten und ich werde weiter kämpfen.

Davood Schojaei, 33, Iran

Ich musste mein Land verlassen, weil ich meine Religion geändert habe. Aber das dürfen wir in unserem Land nicht. Seitdem werde ich verfolgt. Damals arbeitete ich als Goldschmid und hatte ein schönes Leben. Nun wohne ich seit 6 Jahren in der Schweiz in Adliswil. Nach zwei Monaten erhielt ich den ersten negativen Entscheid von der Schweizer Behörden. Der zweite folgte schnell darauf. Ich darf hier nicht arbeiten, weil mein Asylgesuch abgelehnt wurde. Ich würde aber sehr gerne arbeiten und mich selber finanzieren. Einen Ausweis bekommen wir nicht, sondern nur einen kleinen Zettel, wo mein Name drauf steht. Wenn die Polizei mich aus irgendeinem Grund kontrollieren würde, würden sie mich festnehmen und ins Gefängnis stecken. Ich verstehe nicht, warum wir hier in der Schweiz wie Kriminelle behandelt werden, ich habe nichts verbrochen.

Ich wohne in einer Asylunterkunft mit 3 anderen Asylanten in einem kleinen Zimmer. Jeden Tag bekommen wir nur die Migrosgutscheine, die einen Wert von 10.- haben, und damit müssen wir uns alles finanzieren, Essen, Kleider, Fortbewegungsmittel etc. Aber das reicht kaum aus. Wenn es für mich nicht so gefährlich wäre, würde ich nach Iran zurückkehren, denn hier fühle ich mich ausgegrenzt und schlecht behandelt. Aber ich kann nicht zurück, die iranische Regierung würde mich umbringen.

Bahram Gharianlu, 44, Iran

Ich bin seit 6 Jahren in der Schweiz. Ich möchte frei meine Religion aussuchen können, aber das ist in meinem Land verboten. Im Iran war ich im freien Militär. Ich hatte oft Probleme mit der Polizei, weil es klare Kleidervorschriften gibt. Zum Beispiel darf man keine kurzen Ärmel tragen. Seit 20 Jahren haben wir Probleme mit dieser Regierung. Hier in der Schweiz bin ich ein Asylant. Bekomme aber keine Papiere. Ich war verheiratet, aber da ich schon so lange hier in der Schweiz bin und meine Frau nicht besuchen durfte, hat unsere Beziehung nicht geklappt und wir haben uns scheiden lassen. Ich habe ein Kind mit ihr zusammen, aber habe es seit 7 Jahren nicht mehr gesehen.

Ich möchte wie ein Mensch behandelt werden, deswegen bitte ich die Schweizer Regierung, dass sie mir eine Bewilligung gibt. Wenn ich nach Iran zurückgeschickt werde, bin ich ein toter Mensch!

Hosseini Hamid, Iran

Ich bin seit 10 Monaten in der Schweiz. Letzte Woche habe ich zwei Nächte im Gefängnis verbracht, weil ich von der Behörde nur einen Ausweis bekommen habe, der nicht offiziell anerkannt ist. Nur ein Stück Papier mit einem Foto darauf ohne Stempel oder etwas rechtlich anerkanntem. Damit bin ich eine Polizeikontrolle gekommen und festgenommen worden. Alle 21 Tage muss ich mein Heim wechseln. Dabei fällt es mir sehr schwer mich irgendwo zuhause zu fühlen. Ich fühle mich ausgegrenzt und dieses System schikaniert uns. Mein iranischer Pass gilt hier nicht, der Zettel der Behörden auch nicht. Ich werde zu einem Illegalen gemacht.

Ich musste den Iran verlassen weil ich meine Religion gewechselt habe und darauf im Iran die Todestrafe steht. Vorher habe ich in Israhan (Iran) 6 Jahre lang Medizin studiert.

Mohammed Abdulkarim

Ich wohne seit 1998 in der Schweiz. Im Irak war ich Sekundarschuhllehrer und habe Lehrlinge als Automechaniker ausgebildet.
Da ich Kurde und politisch aktiv bin, werde ich im Irak verfolgt. Meine Reise in die Schweiz war sehr anstrengend und lang, da ich nicht viel Geld hatte.
Meine Situation in der Schweiz ist sehr schwierig, da ich einen Ausweis “F” besitze. Dies bedeutet, dass ich nur vorläufig als Flüchtling aufgenommen werde und nirgends eine Arbeit bekomme. Ich schicke viele Bewerbungen und strenge mich an, Deutsch zu lernen. Trotzdem habe ich noch keine Arbeit gefunden. Eine Rückkehr nach Irak kommt für mich nicht in Frage, da ich sonst gefoltert werde und Angst vor der Todesstrafe habe.

Ayo*, 27, Afrika

Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist Ayo in der Hauptstadt seines Landes. Mit 20 hat er die Schule abgeschlossen, hat eine Kurzausbildung als Mechaniker absolviert – ein Zertifikat erhalten. Doch in seiner Stadt eine Anstellung zu finden ist fast so schwierig wie Schweizergardist im Vatikan zu werden. Ayo beginnt, zusammen mit seiner Mutter, ein eigenes Business: Sie verkaufen Gemüse auf dem Markt, eine ganze Familie muss versorgt werden. Es geht, irgendwie. Weil Ayo gerne Sport macht, rennt, geht er in einen kleinen Sportklub in seiner Gegend. Er ist gut, wird von anderen Sportklubs eingeladen, könnte an verschiedene Rennen gehen. Doch Ayo kann nicht, weil das Geld fehlt. Dann, es ist Juli 2006, bekommt er eine Einladung, an einem Sportevent in der Schweiz, Zermatt, mitzumachen… Ayo weiss, dass er da hin will, muss. Irgendwie. Schon seit langem ist es ein Traum von ihm, in die Schweiz zu reisen, vielleicht ein neues Leben zu beginnen. Er sammelt Geld, bei Verwandten, Freunden. Sie geben es ihm, er wird es zurückbezahlen.

Ayo fliegt in die Schweiz. Er rennt in Zermatt. Und weil er Hoffnung hat in seinem Herzen und Träume, steigt er nicht wieder ins Flugzeug zurück in sein Heimatland. Er findet heraus, wie das hier läuft, bzw. nicht läuft und ohne Asylantrag läuft gar nichts… Also stellt er einen Asylantrag, fühlt sich nicht richtig wohl dabei, denn Asyl braucht er ja nicht. Auf seinen Antrag wird nicht eingegangen, NEE, Nichteintretens Entscheid heisst das im Fachjargon. Ayo mag noch nicht aufgeben. Er hat inzwischen jemanden aus seinem Land kennen gelernt und bei ihm so etwas wie ein kleines zu Hause gefunden, einen Platz, an dem er willkommen ist. Er hat bald Freunde, feiert zusammen mit ihnen Weihnachten. Ayo zieht alle paar Wochen in eine neü Notunterkunft wo er das Nötigste bekommt, mehr nicht. Eines – nicht sehr schönen – Tages, Ayo ist inzwischen seit acht Monaten in der Schweiz und gerade auf dem Weg in die Asylunterkunft, kommt er in eine Polizeikontrolle. Die Polizisten lassen ihn nicht wieder gehen, keine Papiere, mitkommen! Ayo geht mit nichts mehr als seinen Kleidern die er trägt und einigen wenigen Habseligkeiten im Rucksack, mit zur Kaserne. Zum ersten Mal in seinem Leben findet er sich im Gefängnis wieder. Nach einer Woche wird er ins Ausschaffungsgefängnis Kloten gebracht, von hier aus hört er die Flugzeuge, Zürich-Nairobi, Darfur-Zürich usw., den ganzen Tag. Ayo versucht, was noch zu versuchen ist, es gibt Leute, die für ihn sprechen, vor dem Gericht, die Rekurse einlegen. Ayo hofft. Hofft, dass er rauskommt, dass er seinen Weg versuchen darf. An die drei ersten Monate werden weitere drei gehängt. Zum Glück bekommt er immer wieder Besuch. Nach weiteren drei Monaten überlegt er sich, freiwillig zurück zu kehren. Noch ist aber die Hoffnung stärker, wenn er jetzt aufgibt, war alles so sinnlos… wieder drei Monate Verlängerung. Ayo hat gehört, dass fast nie jemand länger als 15 Monate hier bleiben muss. Das lässt ihn durchhalten. Inzwischen hört er von seinem Bruder, mit dem er hin und wieder telefoniert, dass die Leute, von denen er sich Geld geliehen hat, dieses zurückwollen. Ayo möchte es bezahlen, wird es irgendwie und irgendwann. Er würde gern arbeiten, ein bis zwei Stunden am Tag gibt es im Gefängnis Arbeit. Mehr nicht. Die Situation belastet Ayo mehr und mehr. Doch er hofft weiter. Doch die Monate vergehen, immer wieder drei dazu. Nicht der Gedanke an eine mögliche Rückkehr ist der erdrückendste, sondern die Tatsache, dass er, Ayo, im Gefängnis ist. Manchmal kommt es ihm vor wie eine Unmöglichkeit. Er hat nie gedacht, dass ihm das passieren könnte, ganz einfach deshalb, weil er kein Verbrechen begangen hat. Nichts getan, was er und was die meisten Menschen als Unrecht empfinden. Für Ayo ist das schwer zu verkraften. Er muss nicht nur seinen Traum, in der Schweiz ein Leben aufbaün zu können, loslassen, sondern auch damit zurechtkommen, dass sein Wille, etwas zu geben, sich einzufügen, zu arbeiten, in das Land und die Menschen hier zu investieren und etwas von seinem positiven Wesen in unsere Schweizer Luft zu streün, im Gefängnis so lange hingehalten worden ist, bis er kaum mehr existiert. Ayo hat nach 16 Monaten in Ausschaffungshaft den Behörden mitgeteilt, dass er zurück nach Kenya möchte. Er hat keine Hoffnung mehr für die Schweiz.

Obwohl Ayo jetzt eingewilligt hat zurück zu gehen, bleibt er in Ausschaffungshaft. Jetzt fehlen plötzlich die Papiere. Nach 16 Monaten lassen sie ihn frei, mit einem Schreiben in der Hand die Schweiz zu verlassen. Das wollte er ja- aber es ging ja doch nicht, ihm fehlen nicht nur die Papiere um hier zu bleiben, ihm fehlen auch die Papiere um zu gehen. Was ist jetzt besser illegal bleiben oder illegal gehen? In ganz Europa hat er keine Chance, da sein Asylgesuch abgelehnt wurde, wie soll er zurück in seine Heimat, er darf nicht arbeiten, will an seiner Ehrlichkeit festhalten, hat also kein Geld. Er schöpft Hoffnung findet andere Menschen in der gleichen verzweifelten Lage wie er, sie wollen mit den Menschen hier reden. Sie wünschen sich die Chance zu bekommen, als Menschen hier ihr Glück versuchen zu dürfen. Ayo möchte sich nicht verstecken, er möchte mit den Menschen sprechen, von Mensch zu Mensch… Eine Verbindung und ein Verständnis herstellen. Dazu kam er am 19. Dezember kurz vor Weihnachten, dem Fest der Versöhnung, mit vielen anderen in die Predigerkirche, wartet dort um mit Menschen zu sprechen. Wartet und hofft auf alle die offen und bereit sind zuzuhören. Mit dem Wunsch unsere Gesetze menschlicher zu machen!

* Name geändert.

Peschtiwan Ahmad, 26, Irak/Kurdistan

Ich wohne seit 6 Jahren in einer Asylunterkunft in der Schweiz, genauer in St. Gallen. Ich habe nur einen F-Ausweis (vorläufige Aufnahme) und finde deshalb keine Arbeit. Ich suche immer Arbeiten auf Baustellen oder in Metzgereien, habe aber nur kurz temporär auf einer Baustelle gearbeitet, sonst finde ich nichts. In Karkuk arbeitete ich in der Landwirtschaft. Aus politischen Gruenden musste ich den Irak verlassen. Ich kann mir nicht vorstellen wieder zurück zu gehen, da ich Angst vor Folter habe.

Mortza Daneshnia, 48, Iran

Im Iran war ich Politiker und habe Biologie studiert. Ich hatte meinen eigenen Supermarkt. Im Jahr 2000 musste ich mit meiner Familie aus politischen Gründen fliehen. Ich habe für etwa 10′000 Dollar gefälschte Pässe fuer meine Familie gekauft, damit ich sie sicher ueber die Grenze bringen konnte. Sie sind dann nach Griechenland geflohen und ich bin nach Deutschland gegagen und habe versuecht sie auch dorthin zu hohlen. Leider hat das nicht geklappt und deswegen bin ich zu ihnen nach Griechenland gegangen. Bei der Ankunft haben sie mich 10 Tage im Flughafen festgehalten. Die Zeit dort war eine sehr dramatische Zeit fuer uns, da wir die Sprache nicht konnten und keine Nothilfe bekamen. Ich fand einen Job bei einer Firma die Aluminiumtueren herstellt. Nach einer Weile habe ich Rueckenprobleme bekommen und konnte dort nicht mehr Arbeiten. Deswegen fing ich an im Bazaar zu Arbeiten. Wir sind dann bis 2006 in Griechenland geblieben. Die Behoerden in Griechenland verlangten von uns, dass wir in die Botschaft gehen um den Pass zu verlaengern, was wir als politische Flüchtlinge natürlich nicht konnten. Wir hätten uns quasi selber ausgeliefert. Wir mussten also wieder ausreisen. Dabei hatten wir die Wahl zwischen USA, Kanada oder der Schweiz. Weil wir kein Geld hatten sind wir in die Schweiz gekommen, da die Reisekosten am niedrigsten waren. Seit zweieinhalb Jahren wohnen wir in der Schweiz in Kreuzlingen. Von den schweizer Behörden haben wir zweieinhalb Jahre lang keine Antwort bekommen, was uns psychisch sehr belastet hat. Die Wartezeit ohne Bewilligung ist unerträglich. Meine zwei Kinder (13 und 12 Jahre alt) gehen hier zur Schule. In der Schweiz habe ich keinen Job gefunden, da ich älter bin. Im Oktober haben wir von den Behörden den ersten negativen Entscheid bekommen. Wir reichten eine Beschwerde gegen den negativen Entscheid ein, doch der Anwalt war sehr teür, wir haben 3000 Franken dafür bezahlen müssen. Jedoch erhalten wir nur Nothilfe, was 8 Franken pro Tag bedeutet. Wir fühlen uns nirgendwo willkommen. Das einzige was ich will, ist für meine Kinder eine gute Zukunft. Wo ist Amnesty International, wo ist die Gerechtigkeit ?

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